Das Zelt genau unter der Brücke. Immer mehr Menschen aus der gesicherten Mittelschicht spüren, wie sie ihr verdientes gerade mal zum "Über die Runden" verwenden können - mehr aber auch nicht

Wohnungsnot im Schatten der Brücken: Landes­ar­muts­kon­fe­renz fordert radikales Umdenken

Aktion „Wohnungsnot? Nein danke!“ in Hannover Glocksee setzt ein deut­li­ches Zeichen gegen soziale Verwahr­lo­sung und wachsende Abstiegs­ängste. Politik und Wirt­schaft fordern geschlos­senes Handeln.

Zelt, Schlaf­sack und ein unmiss­ver­ständ­li­ches Schild direkt unter der Brücke an der Spin­ne­rei­straße in Hannover Glocksee: Mit einer symbo­li­schen Protest­ak­tion machte die Landes­ar­muts­kon­fe­renz Nieder­sachsen am Montag­mittag auf die drama­ti­sche Realität der Wohnungsnot aufmerksam.

Die Kulisse sprach am 7. September in der Mittags­zeit eine deutliche Sprache: Ein aufge­schla­genes Zelt, daneben ein einsamer Schlaf­sack und das Hinweis­schild der Aktion „Wohnungsnot? Nein danke!“ bildeten den unüber­seh­baren Mittel­punkt der Kund­ge­bung. Mitten im urbanen Raum Nieder­sachsens wird hier die Verdrän­gung und Obdach­lo­sig­keit greifbar, die immer mehr Menschen an den Rand der Gesell­schaft drängt.

Partei­en­über­grei­fender Alarmruf und deutliche Worte aus der Wirt­schaft. Der Einladung der Landes­ar­muts­kon­fe­renz waren nicht nur Medi­en­ver­treter gefolgt, sondern auch
hoch­ran­gige Vertre­te­rinnen und Vertreter aus der Politik – darunter Partei­mit­glieder von SPD, CDU und der Partei Die Linke. Sie alle zeigten sich tief besorgt über die aktuelle soziale Entwick­lung im Land. Ange­sichts explo­die­render Miet­preise, fehlenden sozialen Wohnraums und einer zuneh­menden Verfes­ti­gung von Armut herrschte Einigkeit darüber, dass das bisherige poli­ti­sche und wirt­schaft­liche Handeln nicht ausreicht. Besondere Aufmerk­sam­keit zog auch Peter Karst, der Geschäfts­führer der Hand­werks­kammer Hannover, auf sich, der vor Ort das Gespräch suchte und die Dimension des Problems aus wirt­schafts- und gesell­schafts­po­li­ti­scher Sicht beleuchtete.

Wir können und dürfen es uns als Gesell­schaft nicht leisten, immer mehr Menschen in die Perspek­tiv­lo­sig­keit abzu­drängen. Wer den sozialen Zusam­men­halt aufs Spiel setzt, gefährdet
letztlich unsere gesamte demo­kra­ti­sche Stabilität.“

Sorge über poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung: Sachsen-Anhalt als Warn­si­gnal Ein zentrales Thema am Rande der Kund­ge­bung waren die poli­ti­schen Nachbeben der am Tag zuvor stattgefundenen
Land­tags­wahl in Sachsen-Anhalt. Die dortigen Ergeb­nisse, insbe­son­dere der starke Zuwachs der AfD, wurden von den anwe­senden Akteuren als alar­mie­rendes Warn­si­gnal gewertet. Es herrschte breiter Konsens darüber, dass vor allem ökono­mi­sche Abstiegs­ängste und das Gefühl des Verlas­sen­seins ärmere Schichten in die Hände poli­ti­scher Ränder treiben. „Wer den Menschen das Gefühl gibt, im Kampf um bezahl­baren Wohnraum und soziale Sicher­heit allein gelassen zu werden, stärkt die Feinde der Demo­kratie“, so der Tenor unter den Teil­neh­mern. Die Aktion in
Hannover Glocksee war somit weit mehr als nur ein lokaler Protest: Sie war ein eindring­li­cher Appell, soziale

Sicher­heit und bezahl­bares Wohnen wieder ganz nach oben auf die poli­ti­sche Agenda zu setzen, bevor der Vertrau­ens­ver­lust unum­kehrbar wird.

 

Fotos & Text.: Hari Januschke