…und sucht noch mindestens zehn Friseure
Am 15. Dezember wird in Bremen wieder festlich gedeckt – für mehr als 1000 bedürftige Gäste. Bei der Pressekonferenz am 20. Oktober stellten die Organisatoren Mario Roggow und Nina Ranwig das Jubiläumsprogramm vor. Ein Wunsch blieb offen.
Bremen. Zehn Jahre Dein Festmahl. Was 2015 aus einer spontanen Idee entstand, ist heute eine der größten ehrenamtlichen Weihnachtsfeiern Deutschlands.
Damals kamen viele Geflüchtete nach Deutschland, am Bahnhof standen Menschen, um sie zu begrüßen. "Wir hatten echt Bedenken, ob überhaupt noch einer Lust hat, sich zu beteiligen", erinnert sich Gründer Mario Roggow. Die Sorge war unbegründet. Beim ersten Festmahl saßen knapp 650 Gäste an den Tischen. Heute sind es über 1000.
"Die volle Aufmerksamkeit schenken"
Seit fünf Jahren wirbt Schauspielerin Michaela Schaffrath für die Idee – am Telefon, bei Kolleginnen und Kollegen. Dabei war sie selbst noch nie dabei, weil sie immer auf der Bühne stand. Zum zehnten Jubiläum hat sie sich den Termin jetzt geblockt und ist Botschafterin.
"Dieses Pflegeherz verliert man nie", sagt die ehemalige Kinderkrankenschwester. Ihr gehe es darum, einen Tag lang aus dem Rampenlicht zu treten. "Den Gästen die volle Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie gesehen werden."
Das gilt für alle Prominenten. Niemand kommt zum Händeschütteln. Viele sind Wiederholungstäter. Sänger Pascal Krieger ist zum fünften Mal oder öfter dabei und hält sich den Tag jedes Jahr frei: "Uns geht es gut, Gott sei Dank, und man sollte das auch nutzen."
Neu dabei ist Sängerin Judith Hildebrandt alias T‑Seven. Der Kontakt kam über ihren Vater zustande – er ist der Zahnarzt von Nina Ranwig. Wenige Stunden nach der Frage beim Zahnarztbesuch hatte Nina das Ja.
Auf der Bühne stehen in diesem Jahr unter anderem Claudia Jung, Peter Freudenthaler von Fools Garden, Achim Petry, Ausnahmetalent Franz Uhlig, Schauspieler Bruno F. Apitz ("Notruf Hafenkante"), Prince Damien, Darian und Luna aus "The Voice Kids", Let's‑Dance-Profi Evgeny Vinokurov, Bert Wollersheim, Bahnrad-Weltmeister René Enders und Singer-Songwriterin Anne West. Die Schirmherrschaft hat Bremens Bürgermeister übernommen. Weitere Zusagen stehen noch aus.
Eine Brille verändert alles
Zum Festmahl gehören Dinge, die für viele Gäste sonst unbezahlbar sind: Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, die Tiertafel – und seit über fünf Jahren der Optiker.
Die Idee dazu hatte der damals zwölfjährige Sohn von Lars Schulte-Hornich von ProOptik: "Papa, verschenk doch Brillen." Seitdem misst Lars beim Festmahl mit eigenem Gerät die Augen aus, bestellt abends die Gläser und fertigt mit seinem Team in Spät- und Nachtschichten für jeden Gast eine eigene Fern- oder Lesebrille. Sponsoren stellen robuste Fassungen. Nach ein bis zwei Wochen werden die Brillen über den Kältebus verteilt. Sein Sohn hilft bis heute mit.
Was das bedeutet? Ein junger Mann um die zwanzig mit sehr starker Fehlsichtigkeit konnte zum ersten Mal richtig sehen. Andere erzählten, dass sie in der Bank ihre Formulare wieder selbst ausfüllen können. Manche kommen Wochen später in sein Geschäft in Bremen-Nord, nur um Danke zu sagen.
Dringend gesucht: Friseure
Ähnlich ist es beim Haarschnitt – für viele Gäste reiner Luxus. Die Friseure sind beim Festmahl die Ersten, die anfangen, und die Letzten, die aufhören. Wenn die Halle schon halb leer ist, schneiden sie noch.
Die private Friseurschule, mit der der Verein seit Jahren zusammenarbeitet, ist wieder dabei, kann aber maximal 15 Friseurinnen und Friseure stellen. Es fehlen mindestens zehn weitere.
Wer einen Tag Zeit und Schere spenden kann, meldet sich bitte über die Webseite von Dein Festmahl.
Die Azubis der Schule haben sich selbst etwas einfallen lassen: Weil die Wartezeit lang ist, wollen sie mit den wartenden Gästen Spiele spielen.
600 Anhänger, jede Nacht bis zwei Uhr
Solche Einfälle tragen das Fest. Ein Neurochirurg legt seine OP-Termine so, dass er den Tag frei hat. Tanja, deren Mann jedes Jahr den Weihnachtsmann gibt, bastelt für jeden Gast einen Anhänger mit Spruch – 600 sind fertig, 1000 sollen es werden. Dafür sitzt sie gerade jede Nacht bis zwei Uhr. Manche Gäste bringen den Anhänger aus dem Vorjahr wieder mit.
Eine Strickrunde trifft sich alle vier Wochen im Wirtshaus und strickt Mützen, Schals und Socken – das nächste Treffen ist am 3. November, Besuch ist willkommen. Und Nina Ranwigs Familie in Österreich strickt das ganze Jahr über mit.
Zu essen gibt es Klassisches: Gänsekeule, Rotkohl und Klöße. Mit nach Hause nehmen die Gäste, was sie brauchen. Wer auf der Straße lebt, bekommt Schlafsack und Rucksack, alleinerziehende Eltern Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder. Was gebraucht wird, klärt der Verein vorher mit Partnern wie Caritas und den Suppenengeln – sie bringen auch die Einladungen zu den Gästen, denn per Handy oder E‑Mail erreicht man viele nicht.
70.000 Euro, alles aus Spenden
Das Festmahl bekommt kein Geld von der Stadt. Alles ist ehrenamtlich organisiert und durch Spenden finanziert: Essen, Geschenke, Technik, Logistik. In diesem Jahr braucht der Verein dafür rund 70.000 Euro. Spenden sind direkt über die Webseite möglich.
"Im Saal macht niemand einen Unterschied, ob jemand ehrenamtlich hilft, als Optiker arbeitet, prominent ist oder Gast", sagt Mario Roggow. "Wir begegnen uns da auf Augenhöhe. Ich glaube, das ist eines der Geheimnisse, die wir haben."
Die Idee wandert
Roggow wirbt seit Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz für das Konzept. Wer eine große Halle, Kontakte und Partner hat, hat fast alles, was es braucht.
In Mannheim gibt es das Festmahl seit vergangenem Jahr, getragen von einem eigenen Verein – in diesem Jahr am 17. Dezember. Neu dabei ist Landau, organisatorisch unter dem Dach von Dein Festmahl e.V., am selben Tag wie in Bremen.
Angefangen hat Mannheim mit einem Vortrag. Auf die häufigste Frage – warum macht ihr das überhaupt? – antwortete Roggow mit einem Satz: "Weil wir es können." Drei Zuhörer setzten sich danach zusammen und beschlossen, loszulegen. Roggow war beim ersten Mannheimer Festmahl dabei. Sein Urteil: "Die machen das wirklich gut."
Foto & Text.: Hari Januschke

