In den letzten zwei Wochen haben wir uns natürlich viele Gedanken gemacht, welche Bilanz können wir ziehen. Vom 20. bis zum 26. Juli trafen sich rund 100 Wohnungslose bzw. ehemals wohnungslose Menschen zum jährlichen Wohnungslosentreffen. Im bayerischen Herzogsägmühle gab es nun Wohnungslosentreffen Nummer 10. Eine runde Zahl, die im Normalfall als Jubiläum deklariert wird. Doch – kann man, angesichts des Hintergrunds aller Beteiligten eine Veranstaltung als Jubiläum bezeichnen? Die Antwort ist klar – Jein. Denn Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedeutet erst einmal eine Notlage, die nun mal nicht den Grund zum optimistischen Feiern bietet.
Auf der anderen Seite hat sich seit 2016 enorm viel entwickelt. Aus den Einzelkämpfern von einst ist eine Mannschaft geworden, die unglaublich viel in die Wege geleitet hat. Und um zehn Wohnungslosentreffen zustande zu bringen, klappt dass nun mal nicht mit Teilnehmern, bei der jeder engstirnig seine Sicht der Dinge durchbringen will. Und Menschen, die in eine Armutslage geraten oder gar ihr Obdach verlieren, sind zunächst einmal Menschen, die sich verkriechen, um ja nicht mit ihrer Not hausieren zu können.
Die Absicht von 2016 hat sich aber Jahr für Jahr immer mehr durchgesetzt. Über arme Menschen zu sprechen galt lange Zeit nicht nur als verpönt, es wurde einfach nicht gemacht. Arme Menschen hatten jahrelang keine Lobby. Doch den Einzelkämpfern von einst wurde schnell klar, dass Bewegung stets nur von unten nach oben gelingen kann, und nie umgekehrt. Um etwas zu bewegen, um auf die gesonderte Notlagen einzelner aufmerksam zu machen, braucht Wohnungslosigkeit, Armut und die Bedrohung von Armut ein Gesicht, einen Namen und damit eine ganz andere Grundlage.
Weil das einige erkannten, wurde aus dem ersten "Sommercamp" nicht nur ein jährliches Treffen mit gemeinschaftlicher, politischer Arbeit; vor sechs Jahren entwickelte sich aus dieser Idee erstmals ein Verein; die Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen e.V. Der Verein hat sich seit 2019 auch nicht stoppen lassen, im Gegenteil. Corona, die Inflation sowie die globalen Krisen machten die Existenz des Vereins noch notwendiger, denn die Existenzangst spüren immer mehr in diesem Land.
Der fast schon traditionelle Vortrag des ehemaligen Stadtrechtsdirektor Karl-Heinz Ruder zur "Ordnungsrechtlichen Unterbringung" machte mehr als deutlich, wie sehr sich ganz besonders Berlins Politriege immer mehr von der Basis entfernt. Obdachlos gewordenen Menschen steht noch nicht einmal warmes Wasser laut einer gesetzlichen Vorgabe vom März 2024 zu; überhaupt stammen viele Unterbringungsvorgaben aus einem Gesetzblatt, dass zu Zeiten der Weimarer Republik verfasst wurde, aber erschreckender Weise immer noch Gültigkeit deswegen besitzt, weil dieses Gesetz weder korrigiert oder hinfällig korrigiert wurde.
An einem Vormittag wurde deutlich, wie sehr Gesundheit in Deutschland eine Sache des Geldbeutels ist. Ein großes Thema war auch die Situation von wohnungslos gewordenen Familien. Und natürlich das "Zitat". Philipp Amthor, Parlamentarischer Staatssekretär, ließ sich Anfang Mai anläßlich des Kirchentages in Hannover zu der Äußerung hinreisen, dass im Lande allen Menschen geholfen werde, die "Unverschuldet" in Not geraten sind. Der Unionspolitiker öffnete somit Tür und Tor zur Diskussion, was es braucht schuldig oder unschuldig seine eigene Lebenssituation herbeizuführen.
Doch wie lies sich die Woche im Landkreis Weilheim-Schongau bilanzieren? Es ist vieles gelungen und erreicht worden. Doch die wirtschaftliche Entwicklung, gerade im sozialen Sektor, machen die derzeitige Aufgabe unendlich. Die Beteiligten nahmen es genauso ernüchternd wie erwartet hin, dass sogar während der Podiumsdiskussion dargestellt wurde, dass ein politisch gesetztes Ziel nicht zu erreichen sei. Der Nationale Aktionsplan 2030. Sprich, es wird erwartet, dass es auch am Neujahrstag 2031 Menschen gibt, die hierzulande auf eine würdevolle Unterbringung verzichten müssen. Dennoch, oder gerade deswegen, werden von allen Bewegungen den Verantwortlichen im Land, dieses Versprechen um die Ohren gehauen.

