In vielen TV-Formaten sowie in einigen Social Media Kanälen tauchen immer wieder mal Leute auf, die sich filmen lassen, wie sie das Leben als Obdachloser „ausprobieren“.
Hierbei versucht man deutlich zu machen, wie schwer die gesamte Situation ist. Ämter, die Sorge um Essen und Schlafplätze, die Scham vor dem Betteln wird mit vielen Worten verdeutlicht.
Es soll auch gar nicht infrage gestellt werden, dass diese „Experimente“ nicht ehrlich gemeint wären und gezeigt werden, um auf das Problem hinzuweisen. Allerdings werden einige der wichtigsten Aspekte wahrscheinlich eher unbewusst vernachlässigt und übergangen.
Die Menschen, die diese Experimente „wagen“, tun dies immer für eine bestimmte kurze Zeit (von 7 bis 30 Tagen ist da alles dabei). Das heißt, sie haben ein Ziel vor Augen, beziehungsweise eine Sicherheit, dass nach einer gewissen Zeit das ganze vorbei ist und sie wieder in ihren geregelten Alltag zurückkehren.
Ein wirklich Obdachloser kann das allerdings nicht. Seine Situation ist meistens eher ausweglos oder nur mit sehr viel Glück zu überwinden. Es gibt in diesen Formaten auch Abbrüche des Projektes, weil die Personen das Elend und die Nöte die mit Obdachlosigkeit einhergehen, nicht aushalten können. Ein Betroffener kann das ganze aber nicht abbrechen, denn für Ihn ist das tägliche Realität.
Abgesehen davon hat jeder Obdachlose, also wie jeder Mensch auch noch zusätzlich ganz individuelle Probleme, seien es Phobien oder andere psychische Sorgen, die mit der Obdachlosigkeit einhergehen können aber nicht müssen.
Allerdings zu behaupten, man würde sich diese Zeit als Obdachloser fühlen, ist leider eher die Kurzsicht der Protagonisten, die das Problem nicht wahrnehmen können.
Es gibt auch Social-Media Formate, die Obdachlose begleiten und dabei oft eingreifen, was natürlich dann nicht mehr deren Alltag entspricht. Würde man allerdings nicht eingreifen, sähe das ganze bestimmt aus wie eine Wildtierbeobachtung in der Serengeti.
Solche Formate können Zuschauer möglicherweise auf gewisse Missstände aufmerksam machen, da sie Probleme nur oberflächlich behandeln. Wer sich ernsthaft für die Situation von Obdachlosen interessiert, ist jedoch besser beraten, direkt mit Betroffenen zu sprechen, da diese am besten über die tatsächlichen Herausforderungen Auskunft geben können.
Doch selbst in Diskussionen, Tagungen oder Fernsehsendungen ist seltenst (wenn überhaupt) ein Obdachloser zugegen. Selbst ernannte Experten, die auch eher eine kurzsichtige Art der Probembetrachtung haben, reden über Probleme von Dritten. Streetworker einzuladen wäre hier schon mal ein Ansatz um in die Nähe der täglichen Probleme zu kommen.
So bleibt am Ende durch die oben genannten Protagonisten nur ein stark oberflächliches Bild über, das der Realität leider in keinster Weise gerecht wird.


