Nach fast vier Jahrzehnten engagierter Arbeit verließ Frank Kruse am 31. Januar 2026 die Wohnungslosenhilfe von Bethel im Norden. Mit seinem Ruhestand endet eine prägende Ära – verbunden mit deutlichen Worten zur Situation wohnungsloser Menschen in Deutschland. Besonders kritisch sieht Frank Kruse das weiterhin geltende Obdachlosenrecht, dessen Ursprünge bis in die Weimarer Republik zurückreichen. „Wer sein Dach über dem Kopf verliert, verliert oft auch den Respekt anderer“, sagt Frank. In seinen 39 Dienstjahren habe sich zwar manches verbessert, doch viele strukturelle Probleme bestünden bis heute. Diese Entwicklung mache ihn fassungslos.
Im Rahmen einer feierlichen Verabschiedung in der Freistätter Moorkirche blickte Frank Kruse gemeinsam mit mehr als 80 Gästen aus Politik, Verwaltung und Kirche auf seine langjährige Tätigkeit zurück. Unter den Anwesenden waren auch Vertreterinnen und Vertreter der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen, darunter Gabi Fischer und Michael Schmidt aus Herzogsägmühle, die trotz an diesem Tag sehr glatten Straßen eigens zur Feier angereist waren.
Nach einer kurzen Andacht wurde Frank von Geschäftsführer und Pastor Thorsten Nolting offiziell aus dem Dienst entpflichtet. Im Anschluss folgten zwei Fachvorträge zum Thema Wohnungslosigkeit. Der Jurist Karl-Heinz Ruder beleuchtete die rechtlichen Rahmenbedingungen der ordnungsrechtlichen Unterbringung, während Lutz Schmidt von der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen eindrucksvoll über die Lebensrealität Betroffener berichtete. In ihren Grußworten würdigten zahlreiche Redner Frank Kruses Wirken. Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, dankte ihm für seine fast 40-jährige Tätigkeit und seinen unermüdlichen Einsatz. Auch Heinrich Kammacher, Bürgermeister der Samtgemeinde Kirchdorf, hob die vertrauensvolle Zusammenarbeit hervor.
Frank Kruse begann seine Laufbahn bei Bethel am 1. Januar 1987 als Betriebsleiter in der Landwirtschaft des damaligen Sozialhilfebereichs. Nach mehreren Fort- und Weiterbildungen übernahm er 1994 die kaufmännische Leitung der Frei Pro GmbH. Seit 2004 leitete er den Bereich Wohnungslosenhilfe mit großem Engagement und fachlicher Kompetenz. Bereits 2002 wurde Frank in den Sprecherausschuss der leitenden Mitarbeitenden der v. Bodelschwinghschen Stiftungen gewählt, in dem er sich über viele Jahre hinweg aktiv einbrachte. Die Laudatio machte deutlich, wie sehr er die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe fachlich wie menschlich geprägt hat. Insbesondere hob er hervor, dass er begonnen hatte, auch von den Wohnungslosen Menschen zu lernen. In seiner Dankesrede wandte sich Frank auch an seine Familie: Seine Gattin Tanja Kruse-Rösler unterstützte ihn nicht nur vertrauensvoll, sie ertrug teilweise seine Vermengung zwischen Arbeitspflichten und Privatleben.
Die Leitung der Wohnungslosenhilfe übernimmt künftig Tobias Ortmann. Auf ihn warten große Herausforderungen. „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geraten unter Druck. Und immer trifft es zuerst die armen Menschen“, mahnte Kruse. Besonders die Verschärfungen im Bereich der Grundsicherung erhöhten das Risiko von Armut und Wohnungslosigkeit weiter.

Ende Januar 2026
Nach dem offiziellen Teil klang die Feier in gemütlicher Atmosphäre aus. Jugendliche der Jugendwerkstatt Kirchweyhe sorgten mit einem vielfältigen Buffet für das leibliche Wohl. In der Moorkirche trafen sich Mitarbeitende, Führungskräfte sowie aktuelle und ehemalige Wohnungslose – viele davon langjährige Weggefährten Kruses. Hier zeigte sich noch einmal, welches Vermächtnis er hinterlässt: ein Netzwerk aus Vertrauen, Respekt und Menschlichkeit. Mit Tobias Ortmann tritt ein Nachfolger an, dem nicht nur fachlicher Erfolg, sondern auch ein großes Herz gewünscht wird. Fachkompetenz bringt er mit, die notwendige Menschlichkeit lehrt einem nur die eigene Haltung dazu.

