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ESC 1974 im Kino – The History Book On The Shelf

Millionen Fans des Euro­vi­sion Song Contest haben einmal pro Jahr drei besondere Termine. In der Erin­ne­rung war vor allem der 6. April 1974 ein ganz besonerer Tag. Aber nicht nur für die Anhänger der weltweit bedeu­tensten Musikshow war der Sonnabend ein Fest; ab 21 Uhr wurde im südbri­ti­schen Seebad Brighton eine Welt­kar­riere einge­läutet. Wer von den hunderten Millionen von TV-Zuschauern ahnte, als mit Start­nummer 8 Schwedens Beitrag an der Reihe war, dass das Quartett Anna-Frid, Agnetha, Benny und Björn zunächst für die kommenden 167 Sekunden, und schließ­lich der knapp 10 darauf folgenden Jahre die Musik­land­schaft maßgeb­lich beein­flußen würden. ABBA war geboren. Klar, das der 19. Wett­be­werb der ESC-Geschichte für viele im Gedächtnis geblieben ist.

Doch mal Hand aufs Herz – selbst wenn Sie damals vor 50 Jahren den Wett­be­werb gesehen haben – welche Erin­ne­rungen haben Sie außer dem Auftritt noch von der Show behalten? Viele Auftritte beim ESC finden leider nur an einem Abend statt, und wer nicht siegt oder irgendwie innerhalb seines Auftritts auffällt, setzt seine Karriere lediglich nur noch in seinem Heimat­land fort. Anders die ESC-Fans, und vor allem Deutsch­lands ESC-Fan Nr. 1 Dr. Irving Wolther: diese Community sorgt seit vielen Jahren dafür, dass nichts, aber auch gar nichts unter dem Tische gekehrt wird oder dort bleibt. Ein halbes Jahr­hun­dert nach dem legen­dären Song Contest in Brighton gab es daher am Tag der Arbeit und der Regie von Doktor Euro­vi­sion einen ganz beson­deren Kino-Abend.

Ort des Gesche­hens war das Kommunale Kino in Hannover. Eine bessere Location hätte sich kaum anbieten können, denn auch das Kino feiert 2024 seinen 50. Geburtstag. Auf der Kino­lein­wand, dort wo norma­ler­weise Kevin Costner mit den Wölfen tanzt, wurden die High­lights des ESC 1974 präsen­tiert. ESC? Hieß der Wett­be­werb damals nicht Grand Prix Euro­vi­sion d´ela Chanson, werden Sie zurecht fragen!? Ja und nein; je nach Land hatte man die Veran­stal­tung auch als Concorso Euro­vi­sione della Canzone oder Euro­vi­sie­song­fes­tival bezeichnet. In der BBC-Über­tra­gung von 1960 aus London hieß der Will­kom­mens­gruß jedoch schon "Welcome To The 5th Euro­vi­sion Song Contest".

Apropo 1960; die Mode­ra­torin damals, Katie Boyle, war übrigens auch die Mode­ra­torin 1974. Bereits zum 4. Mal, zwischen­zeit­lich begrüßte sie das euro­päi­sche TV-Publikum auch 1963 sowie 1968. Diesem Rekord kommt Schwedens TV-Präsen­ta­torin Petra Mede kommende Woche bei der 68. Auflage des ESC in Malmö gefähr­lich nahe, denn sie wird Europa bereits zum dritten Mal Herzlich Will­kommen heißen. Dem Reglement nach kam Mrs. Boyle aller­dings nur einmal regulär zum Einsatz, denn nach Sandie Shaws Triumph von 1967 wurde die BBC auto­ma­tisch zum Ausrichter. In allen anderen Fällen war das United Kingdom einge­sprungen. So auch vor 50 Jahren, denn eigent­lich wäre Luxerm­burg nach dem Sieg von Anne-Marie David 1973 Gastgeber gewesen. Aller­dings das zweite Mal in Folge, denn durch den Sieg von Vicky Lenadros 1972 ebenfalls für das Fürs­tentum wollte RTL nicht ein zweites Mal in Folge in die Haus­her­ren­rolle investieren.

Der Euro­vi­sion Song Contest bot, wie eingangs erwähnt, natürlich den Weg in eine steiel Welt­kar­riere. Aber auch das weitere Teil­neh­mer­feld der 17 Kandi­daten konnte sich sehen lassen, etliche damals schon renom­mierte Stars gaben sich in Brighton die Klinke in die Hand. 1973  wollte Peret seine spani­schen Lands­leute zum Tanze zu "Borri­quito" animieren, es gelang ihm weit darüber hinaus. Spanien nommi­nierte ihn direkt für 1974, doch die inter­na­tio­nalen Jurys ließen "Canta Y Se Feliz" lediglich auf den 9. Platz klettern. Auch die Nachbarn kleckerten nicht. 10 Jahre nach ihrem ruhm­rei­chen "Non Ho L´eta" sollte Gigliola Cinquetti mit "Si" den Triumph von Kopen­hagen wieder­holen. Sie lief am Ende als Zweit­pla­zierte direkt hinter ABBA ins Ziel.

Zwei weitere Karrieren kamen an dem Abend erst so richtig in Schwung. Der tatsäch­liche Gastgeber Groß­bri­tan­nien sorgte dafür, dass Europa zum ersten Mal im großen Stil mit Olivia Newton-John konfron­tiert wurde. Knapp 4 Jahre vor ihrem tatsäch­li­chen Durch­bruch an der Seite des damaligen Film­part­ners John Travolte trug sie bei "Long Live Love" im verträumten Blau schon einemla das Mutter-Beimer-Nachthemd ein, und erreichte Platz 4. Punkt­gleich übrigens mit dem tatsäch­li­chen Titel­ge­winner, denn die in Deutsch­land bereits bekannte Englän­derin Ireen Sheer (durch "Goodbye Mama" im Jahr zuvor) durfte lediglich die Titel­zeile "Bye Bye I Love You" in Landes­sprache singen. Verhalf ihr der Komponist zum Fran­zö­sisch­un­ter­recht für den Rest des Songs? Denn dieser war kein gerin­gerer als unser Mr. Grand Prix Ralph Siegel, der mit diesem Beitrag zum aller­ersten Mal beim ESC vertreten war.

Paulo de Carvalho aus Portugal machte mit seinem Song eine Karriere der anderen Art. Drei Wochen nach dem ESC-Finale sorgte das abspielen seines Beitrags im portu­gie­si­schen Radio dafür, das einhei­mi­sche Militär mit Mut zu unter­stützen, durch die Nelken­re­vo­lu­tion die Salazar-Diktatur zum Sturz zu bringen. "E Depois Do Adeus" bekam in Brighton lediglich 3 Punkte, aber durch diese spätere Wirkung wurde Paulo de Carvalho so etwas wie ein Natio­nal­held. Poli­ti­sche Bewe­gungen kamen zu diesem Zeitpunkt auch in Grie­chen­land allmäh­lich in Gang, denn auch die Helenen hatten noch drei Monate unter einer Allein­her­schaft zu leiden. Marinella´s Song "Krassi, Thalasa Kai t´agori Mou" vermit­telte Fröh­lich­keit. Es war übrigens der erste ESC-Beitrag der Griechen.

Gegen Jürgen Marcus und Anne-Karin war für Cindy & Bert die Konkur­renz in der deutschen Vorent­schei­dung über­schaubar machbar. Das damals popu­lärste singende Ehepaar stieß aber in Brigthon an ihre Grenzen. Ihre "Sommer­me­lodie" verpuffte bei den Juroren. Mit drei Punkten liefen sie gemeinsam mit Norwegen und Portugal am Ende über die Ziellinie. Und mit der Schweiz, die wie Cindy & Bert auf deutsch singen ließen. Piera Martell flehte "Mein Ruf nach dir" blieb ohne große Antwort.

Eine Antwort bleibt jedoch bis zum heutigen Tag schuldig. Wo wäre, wenn der Song dabei gewesen wäre, "La Vie Á 25 Ans" der Sängerin Dani gelandet. Sie sollte eigent­lich Frank­reich vertreten. Doch vier Tage zuvor verstarb Staats­prä­si­dent Georges Pompidou. In Frank­reich herrschte Staats­trauer, und ein fröh­li­ches Song­fes­tival passte nicht in die Stim­mungs­lage der Grande Nation. Die fran­zö­si­sche Dele­ga­tion, die schon in Brighton übte, musste die Heimreise antreten. Dr. Wolther fügte an, dass eine Teilnahme Frank­reichs in Brighton mögli­cher­weise den Sieg ABBA´s verhin­dert hätte. Denn Frank­reich hatte bis dahin noch nie Punkte an Schweden vergeben, dafür um so lieber an Italien.

Und der tolle Abend bot reichlich Diskus­sion und Unter­hal­tung. Sei es die Mode der damaligen Zeit, wie die tollen Kleider Frauen (die sie damals auch anbe­halten haben) wie die immer­keh­rende Frage, warum Israel als nicht­eu­ro­päi­sches Land am Euro­vi­si­ons­fes­tival teilnimmt. Hier erklärte Dr. Wolther, dass der Song Contest ein Wett­streit der Sender und nicht der Länder ist. Wie bei einem Verein ist die Mitglied­schaft eines Senders nötig, und nicht der Ort, wo er sich aufhält. Bei Prosecco und guter Laune war der Ausflug in die Vergan­gen­heit wohltuend; vor allem auch, weil es einige Punkte heut­zu­tage gibt, die es damals schon gab. Das Lästern um Auftritte, Klamotte, und auch, dass nicht jeder Punkte bekommen hat, der sie eigent­lich verdient hat, genauso wie umgekehrt.

Den Euro­vi­sion Song Contest gab es erstmals 1956. Er hat viel Kritik einste­cken müssen. Oftmals wurden Rufe laut, dass eigene Land möge sich doch von der Veran­stal­tung fern­bleiben, oder der ESC gehöre komplett abge­schafft. Doch anders als musi­ka­li­sche TV-Formate wie die ZDF-Hitparade, der Musik­laden, der Musi­kan­ten­stadl oder Top Of The Pops – den ESC gibt es immer noch. Also, kann der Wett­be­werb so schlecht dann doch nicht sein. Die Freude auf jeden neuen Jahrgang ist bei vielen geblieben, aber mitt­ler­weile ist auch die Erin­ne­rung an so viele Jahrgänge so schön, dass es einfach noch mehr Erin­ne­rungen braucht. Mein heute ganz persön­li­cher Wunsch, und sicher der vielen Besucher vor Ort – es gibt noch viele Jahrgänge, an die man sich sehr gerne wieder erinnern möchte. Wir freuen uns darauf.

 

Text.: Hari Januschke