Paritaet-Berlin.de - Liga Berlin - ASH Berlin - Menschen in ASOG-Unterkünften 2024

Lebens­si­tua­tionen in
Berliner ASOG-Unter­künften

Die Lebens­si­tua­tions-Studie

Berlin: LIGA Berlin und die Alice Salomon Hoch­schule (ASH) haben am 12.06.2024 eine Tagung in der Bundes­haupt­stadt veran­staltet, um ihre neue Studie „Die Lebens­si­tua­tion wohnungs­loser Menschen in Berliner ASOG-Unter­künften“ vorzu­stellen, die in Zusam­men­ar­beit mit der Berliner Senats­ver­wal­tung für Arbeit, Soziales, Gleich­stel­lung, Inte­gra­tion, Vielfalt und Anti­dis­kri­mi­nie­rung (SenASGIVA) entstanden ist.

„ASOG“ steht für das Berliner Allge­meine Sicher­heits- und Ordnungs­ge­setz, ein Teil­be­reich des Polizei- und Ordnungs­rechts. Als „Allge­meines Gesetz zum Schutz der öffent­li­chen Sicher­heit und Ordnung in Berlin“ regelt es auch die Unter­brin­gung von Flücht­lingen, Asyl­be­geh­renden und Obdach­losen in Berlin.

Die Studie erstellten 16 Studie­rende des Master­stu­di­en­gangs Praxis­for­schung in Sozialer Arbeit und Pädagogik der ASH Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Susanne Gerull, die dazu auch Inter­views von insgesamt 23 Menschen aus Berliner Wohn­heimen auswerteten.

Unsere Redaktion hat die Präsen­ta­tion der Studie ausge­wertet und etwas gekürzt zusam­men­ge­fasst. (Die Präsen­ta­tion als PDF-Datei findet ihr hier auf Prof. Gerulls Webseite)

Inter­viewte Menschen

Die Gruppe der inter­viewten Menschen bestand aus drei Jugend­li­chen (aus drei verschie­denen Familien), einem Paar und in der Mehrzahl aus allein lebenden Menschen: 9 Frauen, 13 Männer und einer non-binären Person. Der Alters­be­reich war von 14 bis 74 Jahren, die Erfah­rungen mit Wohnungs­lo­sig­keit dauerten indi­vi­duell von zwei Monaten bis zu 53 Jahren.

Von den ASOG-Unter­künften wurden 7 gewerb­lich geführt und 9 von verschie­denen frei-gemein­nüt­zigen Trägern. Die Ausstat­tung wurde über­wie­gend als eng bis zweck­mäßig und karg einge­richtet – bzw. oft auch als repa­ra­tur­be­dürftig – beschrieben.

Die Unter­künfte

Mehr­heit­lich wurden gemein­schaft­lich genutzte Bereiche (Küche und Sani­tär­be­reich) als hygie­nisch unzu­rei­chend bemängelt, teils sehr drastisch geschil­dert. Daneben wurde auch eine fehlende Privat­sphäre sehr oft angesprochen.

Die Umgebung und Infra­struktur rund um die Unter­künfte wurde generell eher positiv bewertet. Die Einhal­tung von Haus­re­geln war immer wieder proble­ma­tisch, besonders bei fehlenden Kontrollen.

Beim Zusam­men­leben gab es oft wenig Kontakt der Bewoh­nenden unter­ein­ander, aggres­sives Verhalten und psychisch stark belastete Mitbe­woh­nende traten immer wieder auf. Es gab aber auch Berichte von gegen­sei­tiger Unter­stüt­zung im Haus

Was gibt es an Unterstützung?

Das Personal der Unter­künfte wurde nicht immer als hilfreich beschrieben, auch Sozi­al­ar­bei­tende bekamen teils schlechte Bewer­tungen. Frei­zeit­an­ge­bote waren eher selten, wurden aber auch wenig vermisst und sind offenbar eher in Wohn­heimen für Jugend­liche üblich.

Der Bedarf an Sozi­al­ar­bei­tenden wurde oft als mangel­haft beschrieben, obwohl sie in Konflikt­si­tua­tionen als sehr unter­stüt­zend beschrieben wurden – wenn sie denn ansprechbar waren. Und Unter­stüt­zung zur Über­win­dung der Wohnungs­lo­sig­keit kam offenbar nur verein­zelt vor.

In der ASOG-Einrich­tung für Familien wurde von einer ange­stellten Erzie­herin berichtet. In einigen Wohn­heimen wurde mit Pfle­ge­diensten koope­riert und es gab teilweise Angebot von Tafeln. In einem Wohnheim wurde 1x monatlich eine haus­ärzt­liche Sprech­stunde angeboten und einige Inter­viewte wurden von externen Sozi­al­ar­bei­tenden unterstützt.

Die Minder­jäh­rigen Jugend­li­chen wohnten teils schon seit Jahren mit ihren Familien im Wohnheim und das lange Warten auf andere Lebens­be­din­gungen kostet dabei Kraft, auch weil von freund­schaft­li­chen Bezie­hungen im Wohnheim nicht berichtet wurde.

Eigene Haustiere sind in der Regel verboten, zwei der inter­viewten Menschen konnten mit ihren Tieren unter­kommen, die teilweise ihren kompletten Tages­ab­lauf bestimmen. Die Regeln dazu fanden beide ange­messen bzw. okay.

Ergeb­nisse der Analyse der Interviews

Wohn­be­din­gungen und Mindeststandards

Formal wurden gewisse Mindest­stan­dards meist einge­halten, menschen­wür­diges Wohnen wurde aber oft durch unzu­mut­bare sanitäre Einrich­tungen erschwert.

Fehlende Privat­sphäre wurde durch­gängig bemängelt, was besonders für Familien, Frauen, queere Personen und andere Menschen mit beson­derem Schutz­be­dürfnis oft als unver­tretbar empfunden wurde.

Um diesen Satz der Studie: „Das Leiden unter diesen Wohn­be­din­gungen steigt mit der zuneh­menden Dauer der Unter­brin­gung“ zu verstehen, muss frau/man/mensch wohl schon selbst erlebt haben, was es bedeutet, einige Zeit in einer Massen­un­ter­kunft leben zu müssen.

Mitein­ander in Unterkünften

Bei den inter­viewten Menschen war oft ein Wunsch nach mehr Mitein­ander erkennbar, es wurde aber auch generelle Ablehnung privater Kontakte innerhalb der Wohnheime geäußert.

Ein Grund dafür dürften Erleb­nisse von unkal­ku­lier­barem aggres­sivem Verhalten, mehr oder weniger heftigen Strei­te­reien bis hin zu Notarzt- und Poli­zei­ein­sätzen sein – das kann bei vielen Menschen zuletzt zu Rückzug, Unsi­cher­heit und Konflikt­ver­mei­dung als persön­liche Über­le­bens-Strategie führen.

Das Zitat der Studie: „Nur wer ausrei­chende Ressourcen besitzt, Kontakte aufzu­bauen und zu
pflegen, kann Spiel­räume schaffen und den Alltag gelin­gender gestalten.
“ dürfte vielen benach­tei­ligten Menschen „aus der Seele sprechen“. 🤔

Wenn dann in Konflikt­fällen in der Unter­kunft keine Unter­stüt­zung vom Personal zu erwarten ist, oder dessen Auftreten als Macht- und Kontroll­in­stanz unbe­re­chenbar erscheint, bleiben ihnen dann Rückzug und Konflikt­ver­mei­dung oft als einziger Ausweg – ein Abdrängen in eine „Opfer­rolle“, die sich „normale“ Bürge­rinnen oder Bürger nicht so leicht gefallen lassen müssen. 🤔

Bedürf­nisse beson­derer Zielgruppen

Die Studie macht zuletzt auch deutlich, dass es besondere Ziel­gruppen unter obdach- bzw. wohnungs­losen Menschen gibt, die ihre spezi­ellen Bedürf­nisse habe:

  • Minder­jäh­rige und Familien
    - besonders auch als Flüchtlinge
  • Frauen und queere Personen
    - fehlende Schutzkonzepte
  • Süchtige oder konsu­mie­rende Personen
    - oft fehlende Beratungsangebote
  • Psychisch belastete oder psychisch kranke Menschen
    - in ASOG-Unter­künften fehlen fast immer bedarfs­ge­rechte Hilfen
  • Haustier-Besit­zende
    - ein „Leben auf der Straße“ wird einer Abgabe der Haustiere vorgezogen

Ein neues Konzept muss her:
Lang­zeit­wohnen statt Gefahrenabwehr

  • ASOG-Unter­künfte dürfen keine Dauer­lö­sung mehr sein!
  • „orga­ni­siertes Nicht­wissen“ über unzu­mut­bare ASOG-Unter­künfte
    - das darf nicht weiter geduldet werden als „Status quo“!
  • Rechts­an­sprüche auf Hilfen nach 67 ff. SGB XII
    - müssen leichter einklagbar werden!
  • Geduldet unzu­mut­bare Unter­künfte als „Geld­druck­ma­schinen“
    - das muss abge­stellt werden!
    - Kontrollen müssen ausge­weitet werden – sie sind bisher oft mangelhaft!

Konse­quenzen für obdach-/woh­nungs­lose Menschen

Fazit der Inter­views: Die meisten Menschen in ASOG-Unter­künften haben sich mit ihrer Situation arran­giert, da sie aktuell auch keine wirk­li­chen Perspek­tiven für reale Verbes­se­rungen ihrer Lage sehen.

  • fremd­be­stimmtes Leben wird resi­gniert ertragen und gleich­gültig hingenommen
  • eigene Unzu­frie­den­heit mit der Unter­stüt­zung anderer Bewohner:innen ausgleichen
  • Stig­ma­ti­sie­rung der Gesell­schaft?
    - durch Aufbau eines eigenen Netzwerks innerhalb der Unter­kunft abwehren
  • Menschen mit schlechten Erfah­rungen ziehen oft ein „Leben auf der Straße“ vor
    - Gefahr von jahre­langen Drehtüreffekten
  • Sozi­al­ämter: Restrik­tive Umsetzung von Ansprü­chen auf ASOG-Unter­brin­gung
    - wegen explo­die­renden Tages­sätzen der Unterkünfte

Forde­rungen an die Senats­ver­wal­tung Berlin

Mit den darge­stellten Erkennt­nissen und Schluss­fol­ge­rungen der Forschungs­gruppe – aber auch als konkrete Forde­rungen der Teil­neh­menden der Studie – ergeben sich eine ganze Reihe von sinn­vollen Forde­rungen an die Senats­ver­wal­tung Berlin (SenASGIVA).
[… hier möchte unsere Online-Redaktion auch noch einmal an das Verspre­chen unserer Bundes­re­gie­rung erinnern, jede Form von Wohnungs­lo­sig­keit in Deutsch­land bis 2030 zu über­winden. 🤔]

Kurz­fristig umzu­set­zende Punkte

Es erscheint dringend erfor­der­lich, die Mindest­stan­dards für Unter­künfte und Wohnheime – also auch für alle ASOG-Unter­künfte! – zu aktua­li­sieren bzw. zu erweitern:

  • Einzel­zimmer als Regelfall für Alleinstehende
  • zur Verfü­gung­stel­lung von Inter­net­zu­gang und Endgeräten
  • verbind­liche und einheit­liche Besuchsregelungen
  • Mitspra­che­rechte für alle Bewohner:innen
  • verpflich­tendes Unter­stüt­zungs­an­gebot durch Fach­kräfte
    (mindes­tens 1:50 unter­ge­brachte Haushalte)
  • Einhal­tung des noch zu entwi­ckelnden Schutzkonzeptes 

Dabei mahnt die Forschungs­gruppe in Über­ein­stim­mung mit den inter­viewten Menschen an, sämtliche menschen­recht­liche Standards zu beachten (siehe Claudia Engelmann, Notun­ter­künfte für Wohnungs­lose menschen­rechts­kon­form gestalten, 2022).

An die SenASGIVA und die Bezirke gibt es noch konkre­tere Forderungen:

  • Entwick­lung und Planung einer unab­hän­gigen Beschwer­de­stelle
    für akut wohnungs­lose Menschen
  • Einfüh­rung mindes­tens vier­tel­jähr­lich zu führender Perspektiv-Gespräche der
    zustän­digen Sozialen Wohn­hilfen mit den von ihnen nach ASOG Untergebrachten
  • Entwick­lung eines Schutz­kon­zepts für besonders vulnerable Gruppen
  • Entwick­lung (beider­seitig) verbind­li­cher Prozess­be­schrei­bungen
    - an den Schnitt­stellen zur Jugend­hilfe, zur Einglie­de­rungs­hilfe
    - und zu den Anti-Gewaltprojekten
  • regel­mä­ßige unan­ge­mel­dete Kontrollen der Unter­künfte (mindes­tens aber jährlich)
  • bei Verstößen Nach­prü­fung mit Androhung eines Lizenz-Entzuges
  • Trans­pa­renz bei der Preis­ge­stal­tung, Schaffung einheit­li­cher Berech­nungs­grund­lagen
    - und ggf. Deckelung der Tagessätze
  • Einfüh­rung von Freihalteregeln

Mittel­fristig umzu­set­zende Punkte

  • Schaffung bzw. Ausbau von ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen Angeboten
    - z. Bsp. für Frauen, LGBTQI*, Menschen mit Haus­tieren
    - für psychisch belastete Personen und andere benach­tei­ligte Gruppen
  • Größen­be­gren­zung der Wohnheime (z. Bsp. auf maximal 100 Zimmer)
  • Verkür­zung der Aufent­halts­dauer auf maximal 3 Monate
    (als Zeitraum für die Suche/Vermittlung einer eigenen Wohnung)
  • Deckelung der Eigenbeteiligung
  • Ange­mes­sene Ermög­li­chung gesell­schaft­li­cher und kultu­reller Teilhabe
  • Nied­rig­schwel­lige Angebote und finan­zi­elle Förderung selbst­or­ga­ni­sierter
    Akti­vi­täten der in Unter­künften lebenden Menschen

„Größer gedacht …“
Was muss sich lang­fristig ändern?

  • Umstruk­tu­rie­rung des Hilfe­sys­tems für akut wohnungs­lose Menschen
    (inklusive Hilfen nach §§ 67 ff. SGB XII,
    vgl. AG 67er-Hilfen bei der 7. Stra­te­gie­kon­fe­renz)
  • Schlie­ßung der Lücke zwischen Gefah­ren­ab­wehr (ASOG)
    und 67er-Hilfen (SGB XII) durch mehr Ange­bots­viel­falt
    (und ange­mes­sene Finan­zie­rung von …)
    - z. Bsp. Wagen­plätzen, Behei­ma­tungs­an­ge­boten,
    - WGs für spezi­fi­sche Ziel­gruppen
    - selbst­or­ga­ni­sierte Wohnformen
  • Für die dann nur noch kurz­fris­tige ASOG-Unter­brin­gung müssen
    ausschließ­lich Unter­künfte mit ange­mes­senen Wohn­ein­heiten
    inklusive eigenem Sani­tär­be­reich und Küchen­zeile geschaffen werden
    (vgl. BAG W 2013 zit. n. MAGS 2022: 15)

Zusätz­liche Forde­rungen:
„Was fehlt noch?“

  • Vorrang für jede Art von Wohnungs­er­halt bei Wohnungsnotfällen!
  • Sicher­stel­lung der Verhin­de­rung von Wohnungs­ver­lusten aufgrund von
    Miet­schulden nach den gesetz­li­chen Vorgaben (Soll-Vorschriften SGB II und XII)
  • Schaffung eines Programms zur Wohnungs­ver­sor­gung wohnungs­loser und
    anderer sozial benach­tei­ligter Menschen, z. Bsp. (vgl. MAGS 2019: 107 ff.)
  • Kommunale Bele­gungs­rechte sichern, z. Bsp. im Rahmen von Baugenehmigungen
  • Übernahme von Garantieleistungen
  • Einfluss­nahme auf die Verga­be­praxis im kommu­nalen Wohnungsbestand

Für detail­lier­tere Infor­ma­tionen und Quel­len­an­gaben möchten wir hier noch auf die Präsen­ta­tion der Ergeb­nisse der Studie auf Prof. Gerulls Homepage verweisen:

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