Das Wohnungslosentreffen Freistatt 2024 wurde vom 28. Juli bis zum 3. August zum neunten Mal (davon zwei mal als Online-Meeting) von der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V. ausgerichtet.
Das war wieder einmal eine aufregende Woche mit über 80 teilnehmenden Menschen, die fast alle schon einmal Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit machen mussten (einige Wochen, Monate oder gar jahrelang). bei fast durchgehend schönem Sommerwetter gab es im Zeltlager viele Möglichkeiten sich untereinander auszutauschen und zu diskutieren.

Studentengruppe Uni Hamburg
Dieses Jahr war zusätzlich auch eine Gruppe von 10 Studierenden der Universität Hamburg dabei, die einige Workshops anboten, Teilnehmende interviewten und auch das ganze Wohnungslosentreffen mit all seinen Veranstaltungen dokumentierte.
Beim Wohnungslosentreffen Freistatt 2024 wurden interessante Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden angeboten, die neben dem Aspekt der Weiterbildung auch immer mit eigenen Beiträgen, Fragen, Meiningen und Schilderungen der Teilnehmenden ein aktuelles Bild der Situation armer, obdach- und wohnungsloser Menschen in Deutschland vermittelten. Auch die Theatergruppe der Selbstvertretung gibt bei den Wohnungslosentreffen regelmäßig eine Theatervorführung.

Diese Wohnungslosentreffen sind so immer wieder eine besondere Gelegenheit, sich als benachteiligte Menschen untereinander auszutauschen, auch um die oft empfundene Isolation, Verlorenheit und oft Hilflosigkeit im Umgang mit Ämtern und Behörden zu besprechen.
Dabei können gemeinsam Ideen und Konzepte diskutiert werden, wie ihre von Einschränkungen, Finanzproblemen und oft auch einem Gefühl von gesellschaftlicher Ausgrenzung bestimmte Lebenssituation verbessert werden sollte, um mehr gesellschaftliche Teilhabe besonders für arme Menschen zu ermöglichen.
Neben diesem Übersichts-Artikel werden zu einzelne Veranstaltungen noch separat witere Artikel folgen, auf die wir hier verweisen werden.
Anreise-Sonntag
Beim Wohnungslosentreffen Freistatt 2024 trafen den Nachmittag über die meisten Teilnehmenden ein. Bei einem Begrüßungskaffee konnten „alte Häsinnen“ und „alte Hasen“ von vorangegangenen Treffen berichten und auch wieder viele neue Teilnehmende kennenlernen.

Abends gab es dann im Verpflegungs-Camp vor dem Alten Backhaus im Sinnesgarten gewohnt leckeres Gegrilltes, Salate und Beilagen der Freistätter Hof-Fleischerei Kollhorst aus Varel – schließlich soll ja gutes Essen Leib und Seele zusammenhalten! (beim Essen gab es aber auch wieder fleischlose Angebote.)
Der Kennenlernen-Montag
Am Vormittag gab es eine Vorstellungsrunde der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V. (SwM) mit Vorstand und vielen Mitgliedern der Selbstvertretung, das Uwe Eger und Uli Wallheim moderierten.
Mitgliederversammlung der Selbstvertretung
Danach folgte die Mitgliederversammlung des Vereins, bei dem drei Vorstandsposten und alle Regionalleitungen (je ein erster und zweiter Leitender, jeweils für die Regionalgruppen Nord, Mitte und Süd) neu gewählt wurden.
Das Ergebnis der Vorstandswahl:
Corinna Lenhart, Lutz Schmidt und Uwe Eger bleiben weiterhin im Vorstand.
Ilse Kramer und Lucy Bübel wurden von der Mitgliederversammlung als neue Vorständlerinnen gewählt und nahmen diese Wahl an.

Am Nachmittag folgten vier Vorträge:
(… mit Verlinkung zu den jeweiligen Positionspapieren der Selbstvertretung)
- Gesundheitliche Versorgung auf der Straße
Roderich Pohl (Vorstand der Selbstvertretung) stellte dieses Positionspapier vor und berichtete auch aus eigener Erfahrung bzw. über eigene Erfahrungen auf der Straße.
- Mehrbedarf auf der Straße
Diese Positionspapier stellten Lutz Schmidt und Uwe Eger (beide Vorstand der Selbstvertretung) vor, um die wahren Kosten des Lebens auf der Straße aufzuzeigen.
- Geschichte der Stigmatisierung wohnungsloser Menschen
Frank Kruse (Wohnungslosenhilfe Freistatt) stellte die geschichtliche Entwicklung der Versorgung armer Menschen und der Wohnungslosenhilfe (WLH) seit Christi Geburt vor.
- Mobilität armer, obdachloser und wohnungsloser Menschen
Dirk Dymarski (Regionalleiter der SwM-Rgionalgruppe Nord) stellte mit Hari Januschke das Positionspapier Mobilität vor, mit dem sie die Entwicklung von 9,- und 49,-Euro-Ticket zwischen kostenlosen Nahverkehr (wie in Luxembourg seit 2020), „Ein Euro pro Tag“-Ticket und den etwa 7.000 aktuell „einsitzenden Schwarzfahrern“ diskutierten.
(siehe auch unser Artikel „Zwischen 49,-Euro-Ticket und Knast“)
Abends klang der Tag beim gemeinsamen Abendessen am Alten Backhaus und gemeinsamen Lagerfeuer am großen Versammlungszelt im Sinnesgarten aus.
Der NAP-Dienstag
An diesem Tag gab es ein zentrales Thema:
Den Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit ( NAP).
Die Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz hat als ersten Schritt diesen Nationalen Aktionsplan zur Überwindung der Wohnungslosigkeit erstellt, auch um den Zielen der EU nachzukommen, die Obdachlosigkeit in Europa effektiv zu bekämpfen.
Ziel der Bundesregierung ist es dabei, Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden.
Vormittags gab es folgende drei Vorträge:
- Rechtssituation der Ordnungsrechtlichen Unterbringung
Karl-Heinz Ruder (Kommunaljurist und Stadtrechtsdirektor i.R.) hielt dazu einen Vortrag, der alle rechtlichen Aspekte der ordnungsrechtlichen Unterbringung beleuchtete, also die Grundsätze, nach denen Unterkünfte für obdachlose Menschen in Deutschland organisiert und betrieben werden.
Massenunterkünfte mit Mehrbettzimmern praktisch ohne jede Privatsphäre sind dabei in praktisch allen größeren Städten die Regel und für obdachlose Menschen sehr oft ein Grund, selbst im Winter auf der Straße zu übernachten.
Die Selbstvertretung – wie auch die Mehrzahl deutscher Expert*in*en für soziale Fragen – sieht besonders in diesen unmenschlichen Unterbringungen einen eklatanten Mangel, der das 2030-er Ziel des NAP gegen Wohnungslosigkeit fraglich erscheinen lässt.
Siehe auch das SwM-Positionspapier Recht Auf Wohnung!
- Lebenssituation wohnungsloser Menschen
in Berliner ASOG-Unterkünften
Dieser Vortrag von Roderich Pohl und Dirk Dymarski stellte eine Studie vor, die unter Leitung von Prof. Dr. Susanne Gerull von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin entstanden ist.
Darüber haben wir auch schon berichtet; Lebenssituatio in Berliner ASOG-Unterkünften
- Trauma Notunterkunft
In diesem Vortrag berichtete Tobias Ortmann (Traumapädagoge der Wohnungslosenhilfe Freistatt) über die Folgen der Zustände in Massenunterkünften, durch die obdachlose Menschen oft nachhaltig traumatisiert würden. Das sei beim Umgang mit hilfesuchenden Menschen in der Wohnungslosenhilfe immer wieder zu beobachten.
Nachmittags stellte André Riemer vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen den Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit ( NAP) vor und erläuterte den aktuellen Stand der bisher beschlossenen Maßnahmen zum Erreichen des Ziels:
Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis 2030 überwinden

Podiumsdiskussion im Versammlungszelt
Dazu folgte zum Tagesabschluss eine anderthalbstündige Podiumsdiskussion mit folgenden Teilnehmenden;
- Uwe Eger (Selbstvertretung SwM e.V.)
- Ilse Kramer (Selbstvertretung SwM e.V.)
- Maria Loheide (Diakonie Deutschland)
- Volker Meyer (CDU, MdL)
- Annika Maretzki (Fachreferentin BAG Wohnungslosenhilfe)
- Brian Nickholz (SPD, MdB)
- Hartmut Nölling (Selbstvertretung SwM e.V.)
- Pastor Thorsten Nolting (Geschäftsführung Bethel im Norden),
- André Riemer (BMWSB, NAP gegen Wohnungslosigkeit)
- Karl-Heinz Ruder (Kommunaljurist / Stadtrechtsdirektor i. R.)
Die Podiumsdiskussion wurde von Frank Kruse (WLH Freistatt) moderiert, der nach Begrüßung und kurzer Vorstellungsrunde die Diskussion mit folgender Frage eröffnete:
„Was muss denn für Menschen auf der Straße besser werden?“

Es folgte eine lebhafte Diskussion, bei der alle Beteiligten auf dem Podium ein Grundverständnis über die Problematik armer, obdachloser und wohnungsloser Menschen zeigten.
(mehr dazu auf der Seite der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V.)
Der Kreativ-Mittwoch
Am Vormittag folgten Vorträge und Workshops:
- Gewalt auf der Straße
- Digitale Teilhabe
- Obdach- und Wohnungslosigkeit an Schulen und Unis?
- Vom Geheimnis, wie man wohnungslose Menschen zählt
Nachmittags und Abends wurden dann verschiedene Aktivitäten angeboten:
Theaterworkshop
Kreatives Gestalten (Malen, Buttons erstellen, …)
Sportliches Angebot: Minigolf
Der Donnerstag
Vormittags moderierte Uwe Eger die Vorstellung des Öffentlichkeitskonzepts der Selbstvertretung zum NAP gegen Wohnungslosigkeit. In zahlreichen Veranstaltungen sollen noch bis Ende des Jahres die Positionspapiere der Selbstvertretung vorgestellt werden, um auf die Forderungen mach mehr bezahlbarem Wohnraum, mehr Mobilität und Digitaler Teilhabe aufmerksam zu machen.
Problematische Krankenkassenschulden, Gesundheitsversorgung wohnungsloser Menschen, Mehrbedarf auf der Straße und Diskriminierung am Wohnungsmarkt sind dabei weitere wichtige Themen.
Im Veranstaltungszelt gab dann Prof. Dr. Claudia Daigler von der Hochschule Esslingen einen Vortrag über „Familien in Wohnungslosigkeit“. Dieses traurige Thema betrifft immer mehr besonders alleinerziehende Frauen und Männer.
Daneben lief ein Vortrag von Ioana Lunka (Frauen- und Kinderschutzhaus Diepholz) und Silvia Lücke (Beratungsstelle für Frauen und Mädchen) zum Thema „Hilfe und Möglichkeiten bei häuslicher Gewalt“.
Am Nachmittag folgten dann weitere Vorträge und Workshops:
- Wohnungsnotfallhilfe für queere Menschen
- Diskriminierung am Wohnungsmarkt
von Ilse Kramer (Selbstvertretung SwM e.V. und IBWA e.V. Köln) - Wohnungslose Frauen und öffentliche Räume
ein Workshop für Frauen von Malina Niermann, Frieda Thoms, Simon Lübbe
Studentengruppe der Universität Hamburg) - Workshop Bibelarbeit
als Vorbereitung der Andacht am Freitag von Pastor Thorsten Nolting (GF Bethel im Norden) zur Jahreslosung „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“
Der Freitag
Vormittags gab es eine Andacht mit Pastor Thorsten Nolting (GF Bethel im Norden) zum Thema der Jahreslosung 2024: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“.

Darauf folgte ein Workshop mit dem Thema „Expert*innenwíssen benötigt!“, bei dem Rebecca Lütje und Alina Hergott von der Alice-Solomon-Hochschule Berlin Möglichkeiten ausloteten, wie obdach- und Wohnungslose Menschen ihre Erfahrungen und Probleme besser mit in die gesellschaftliche Diskussion um Überwindung von Wohnungslosigkeit einbringen können. Auch das Thema „Diskriminierung“ wurde dabei einbezogen.
Ein Ausflug in die 68-er Zeit
Daneben lief eine Diskussion mit Rainer Langhans (dem Mitbegründer der 68-er „Kommune I“) mit der Frage: „Gesellschaftliche Werte verändern – wie kann das gelingen?“
Frank Kruse als Moderator begrüßte in dieser Diskussionsrunde Rainer mit einigen Hinweisen auf die Geschichte der 68-er Zeit, die Außerparlamentäre Opposition (APO) und die Gründung der Kommune Eins als Antwort auf die reaktionären bundesdeutschen Verhältnisse der 1960-er Jahre. Dazu stellte er die Frage, was wir heute von der damaligen APO-Bewegung lernen könnten, beim „Kampf um bessere Notunterkünfte“, für eine bessere Versorgung von obdach- und wohnungslose Menschen?

(mehr dazu auf der Seite der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V.)
Diese Diskussion – oder war es ein Workshop zum Finden der eigenen Mitte? – ließ offenbar viele der anwesenden Teilnehmenden etwas ratlos, orientierungslos(?), eher unzufrieden oder zumindest mit vielen Fragen zurück.
Die „Weisheit“, vor dem Großprojekt „Die ganze Welt retten!“ zuerst einmal im kleinen an sich selbst zu arbeiten, sich mit all seinen Eigenheiten, Fehlern aber eben auch all seinen Fähigkeiten und Talenten als individuellen Mensch anzunehmen – das ist heutzutage ja schon in gewisser Weise „Allgemeingut“ zum Projekt sich als Mensch weiter zu entwickeln.
Unsere ganze Erfahrung als „Selbsthilfegruppe“ und Interessenvertretung mit der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen hat uns aber doch gelehrt, dass für wirkliche Verbesserungen der Situation armer, obdach- und wohnungsloser Menschen ein deutliches Umdenken in unserer Gesellschaft unbedingt erforderlich ist.
Das ist dann aber mehr als nur eine Arbeit am „eigenen Selbst“, es ist ein sehr langwieriger Prozess mit anstrengender Öffentlichkeitsarbeit, um unserer Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten – immer in der Hoffnung, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, das für ein friedliches, demokratisches Zusammenleben eine angemessene Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger nötig ist.
Das aber setzt unserer Meinung nach einen deutlich besseren Ausgleich zwischen Arm und Reich voraus, den unserer Gesellschaft offenbar noch viel zu viele Politiker vorenthalten wollen.
Bürgerradio Freistatt
Auch das Bürgerradio Freistatt war beim Wohnungslosentreffen beteiligt; So gaben z. Bsp. einige der Hamburger Studierenden Interviews. Zu hören sind die Aufzeichnungen am Mittwoch (14.08.2024) ab 16:00 Uhr bei radioWeser.tv in Bremen auf UKW 92,5 MHz (das ist der auch für die nähere Region Niedersachsen zuständige Sender für den Bürgerfunk)

Ergebnisprotokoll – wie war das Wohnungslosentreffen?
Nahmittags probte dann noch einmal der Theaterworkshop und es wurde in einer Arbeitsgruppe ein gemeinsames Ergebnisprotokoll besprochen, dass später aus den Aufzeichnungen der Hamburger Studentengruppe (die das ganze Treffen begleitet hatten) ausgearbeitet werden soll.
Diskutiert wurden in der Gruppe dann alle Aspekte des Wohnungslosentreffens Freistatt 2024, indem zu allen wichtigen Teilpunkten jeweils drein Aspekte betrachtet wurden:
- Was lief gut?
- Wo gab es Probleme?
- Was sollte bei künftigen Wohnungslosentreffen zusätzlich beachtet werden?
Nach dem Abendessen:
Auftritt der Theatergruppe

Abreise-Samstag
Morgens gab es noch ein letztes gemeinsames Frühstück mit der Möglichkeit Proviant für die Heimreise mit einzupacken.
Alle Teilnehmenden wurden verabschiedet und traten dann die Heimreise an.
Freistatt und der Sinnesgarten hinter dem Alten Backhaus blieben dann in einer seltsam ruhigen Stimmung zurück – nach all dem Trubel der vergangenen erlebnisreichen Woche des Wohnungslosentreffens Freistatt 2024.





