Bericht zum Fachtag
Einleitung
Am 22. Januar 2026 veranstaltete die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V. im Mathildensaal in München den Fachtag „Die harte Wirklichkeit der Obdach- und Wohnungslosigkeit“. Ziel der Veranstaltung war es, Fachpraxis, Politik und Zivilgesellschaft zusammenzubringen und die Perspektive von Menschen mit eigener Erfahrung von Wohnungslosigkeit stärker in die fachliche und politische Diskussion einzubringen.
Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist längst kein Randphänomen mehr. Steigende Mieten, fehlender bezahlbarer Wohnraum und soziale Krisen führen dazu, dass immer mehr Menschen ihr Zuhause verlieren oder in prekäre Wohnsituationen geraten. Der Fachtag setzte bewusst den Schwerpunkt auf die Frage, wie diese Realität aus der Sicht der Betroffenen erlebt wird – und welche strukturellen Veränderungen notwendig sind.
Begrüßung und Grußworte
Der Fachtag begann mit der Begrüßung durch Lutz Schmidt, Vorstand der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V. In seiner Einführung betonte er die Bedeutung der Selbstvertretung: Menschen, die Wohnungslosigkeit erlebt haben, müssen stärker an der Entwicklung von Lösungen beteiligt werden.
Im Anschluss folgten Grußworte aus der Praxis der Wohnungslosenhilfe, unter anderem von Vertreterinnen der Obdachlosenstiftung Bayern sowie der Diakonie Bayern. Sie unterstrichen die gesellschaftliche Verantwortung, Wohnungslosigkeit nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu verhindern.
Ordnungsrechtliche Unterbringung
Den ersten Fachvortrag hielt Karl-Heinz Ruder, Kommunaljurist und ehemaliger Stadtrechtsdirektor. Sein Beitrag widmete sich der ordnungsrechtlichen Unterbringung von obdachlosen Menschen.
Er erläuterte die rechtlichen Grundlagen kommunaler Unterbringungspflichten und zeigte zugleich die praktischen Herausforderungen auf, mit denen Städte und Gemeinden konfrontiert sind. Dabei wurde deutlich, dass die ordnungsrechtliche Unterbringung zwar ein wichtiges Instrument der Gefahrenabwehr ist, jedoch häufig nur eine kurzfristige Lösung darstellt.
Diskriminierung am Wohnungsmarkt
Im zweiten Fachbeitrag sprach Arnd Liesendahl, Mitglied des Sprecherrates der Facharbeitsgemeinschaft Partizipation der BAG Wohnungslosenhilfe und Beauftragter der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V., über Diskriminierung am Wohnungsmarkt.
Er machte deutlich, dass Menschen ohne feste Wohnung oder mit negativen Einträgen häufig kaum Chancen auf dem regulären Wohnungsmarkt haben. Neben wirtschaftlichen Hürden spielen auch Vorurteile und strukturelle Ausgrenzung eine Rolle. Der Vortrag zeigte eindrücklich, dass Wohnungslosigkeit nicht nur durch individuelle Krisen entsteht, sondern auch durch gesellschaftliche Ausschlussmechanismen verstärkt wird.
Mehrbedarf auf der Straße
Am Nachmittag sprach Ilse Kramer, ebenfalls Vorstand der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V., über den Mehrbedarf auf der Straße.
Sie schilderte, welche zusätzlichen Belastungen Menschen ohne Wohnung täglich bewältigen müssen: höhere Kosten für Ernährung und Hygiene, gesundheitliche Risiken sowie der ständige Druck, sichere Schlafplätze zu finden. Der Beitrag machte deutlich, dass Wohnungslosigkeit nicht nur ein Verlust von Wohnraum ist, sondern eine umfassende soziale Ausnahmesituation darstellt.
Gewalt auf der Straße
Ein weiterer Schwerpunkt des Fachtages war das Thema Gewalt gegen wohnungslose Menschen. In seinem Vortrag schilderte Bert Cloppenburg, welche Formen von Gewalt wohnungslose Menschen erleben und welche Folgen dies für ihre Sicherheit und ihr Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen hat.
Der Beitrag verdeutlichte, dass Gewalt gegen obdachlose Menschen häufig unterschätzt wird und in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig Beachtung findet. Gleichzeitig wurde die Notwendigkeit von Schutzräumen und präventiven Maßnahmen betont.
Austausch und Diskussion
Zwischen den einzelnen Beiträgen bot der Fachtag Raum für Gespräche und Austausch. Teilnehmende aus Fachpraxis, Politik und Selbsthilfe diskutierten gemeinsam über mögliche Wege, Wohnungslosigkeit wirksamer zu verhindern und bestehende Hilfesysteme weiterzuentwickeln.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung der Beteiligung von Menschen mit eigener Erfahrung von Wohnungslosigkeit. Ihre Perspektiven sind unverzichtbar, um Maßnahmen praxisnah und wirksam zu gestalten.
Fazit
Der Fachtag in München machte deutlich, dass Wohnungslosigkeit eine komplexe gesellschaftliche Herausforderung ist, die nur durch das Zusammenwirken von Politik, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden und Selbstvertretungen bewältigt werden kann.
Die Veranstaltung zeigte zugleich, wie wichtig es ist, die Stimmen der Betroffenen stärker einzubeziehen. Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e. V. leistet hierzu einen wichtigen Beitrag, indem sie Erfahrungswissen sichtbar macht und in politische und fachliche Debatten einbringt.
Der Fachtag war damit nicht nur ein Ort der Information, sondern auch ein Raum des Dialogs – und ein Schritt hin zu mehr Aufmerksamkeit, Verständnis und Verantwortung im Umgang mit Wohnungs- und Obdachlosigkeit.
( Text Dirk Dymarski,Lutz Schmidt – Foto : Frank Kruse

