Das fünfzehnte Türchen - Kerze der Weihnachtskrippe in der Zionskirche Bethel

Das fünf­zehnte Türchen
(Dr. Peter Szynkas Un-Ruhestand)

Das fünfzehnte Türchen - Kerze der Weihnachtskrippe in der Zionskirche Bethel
Das fünf­zehnte Türchen – Kerze der Weih­nachts­krippe in der Zions­kirche Bethel

Dinge in Bewegung bringen – Zur Verab­schie­dung von Dr. Peter Szynka in den Un-Ruhestand

Dr. Peter Szynka, der lang­jäh­rige Leiter des Fach­be­reichs Wohnungs­lo­sen­hilfe der Diakonie Deutsch­land wird heute in Hannover in den Ruhestand verab­schiedet. Dr. Peter Szynka war einer der mass­geb­li­chen Förderer des Projektes Wohnungs­lo­sen­treffen Freistatt. Deshalb hierzu ein Grußwort von Dr. Stefan Schneider (Koor­di­na­ti­ons­leiter der Wohnungs­losen- treffen in Freistatt), dem sich unsere Redaktion nur auf das herz­lichste anschließen kann.

Dr. Peter Szynka traf ich das erste Mal mehr oder weniger zufällig im Juni 2014 anläss­lich einer Mitglie­der­ver­samm­lung des vor kurzem gegrün­deten Armuts­netz­werks in Freistatt. Wir hatten kaum Zeit, mitein­ander zu reden, aber er versprach, sich bei mir zu melden. Monate später erhielt ich eine E-Mail mit einer Einladung nach Hannover zum Diako­ni­schen Werk Nieder­sachsen, wo er als Fach­re­fe­rent für die Wohnungs­lo­sen­hilfe arbeitete.

Nicht ohne einen gewissen Stolz betonte er, dass seit ein paar Jahren Teilhabe als wichtiges Ziel in der Satzung des Diako­ni­schen Werks Nieder­sachsen verankert sei. Es war zu spüren, dass ihm das wichtig war.

Peter – davon hat er immer wieder erzählt – war mehrfach für längere Zeit in Chicago gewesen, wo er sich intensiv mit der vom ameri­ka­ni­schen Bürger­rechtler Saul Alinsky entwi­ckelten Methode der Gemein­we­sen­ar­beit beschäf­tigt hatte. Er hat sogar seine Doktor­ar­beit darüber geschrieben (Szynka 2005).

Was damals ein inno­va­tiver Ansatz war, rand­stän­dige Inter­essen kämp­fe­risch im poli­ti­schen Raum zur Sprache zu bringen, ist heute – zuge­spitzt formu­liert – ein mehr oder weniger halb­sei­denes Verfahren der Verwal­tung zur Bürger­be­tei­li­gung bei umstrit­tenen Vorhaben. Und trotzdem ist der inno­va­tive Ansatz nicht voll­ständig verschwunden – bis heute sind Menschen in der Tradition von Saul Alinsky unter dem Stichwort „Community Orga­ni­zing“ unterwegs, und von denen konnten wir einiges lernen.

Auch von der Chicagoer Schule der Sozio­logie berich­tete Peter. Der ameri­ka­ni­sche Soziologe Nels Armstrong hatte in den 20er Jahren des vergan­genen Jahr­hun­derts kurzer­hand wohnungs­lose Menschen – in den USA Hobos genannt – an die Hoch­schule einge­laden, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen (Anderson 1923). Für einige wenige Jahre gab es – wenn der Über­lie­fe­rung zu trauen ist – in Chicago so etwas wie ein Hobo-Institut, an dem wohnungs­lose Menschen ein- und ausgingen und gleich­be­rech­tigt mit anderen Wissen­schaft­lern Lehr­ver­an­stal­tungen orga­ni­sierten. Eine Idee, die auch heute noch ihre Spreng­kraft hat.

An jenem Tag in Hannover aber ging es im Gespräch darum, welche Formen der Teilhabe wohnungs­loser Menschen entwi­ckelt werden können, um die Ange­le­gen­heit voran­zu­bringen. Ich brachte den Gedanken der Sommer­camps ins Spiel, den ich vor einigen Jahren bereits zusammen mit Jürgen Schneider (damals noch vom Berber-Info) einmal angedacht hatte (Schneider 2011).

In diesem Gespräch haben wir die Idee vom Sommer­camp zusammen mit seinem Chef, Martin Fischer, hin und herbewegt, und dann brachte Peter mich und Jürgen Schneider in Kontakt mit Frank Kruse, dem Bereichs­leiter der Wohnungs­lo­sen­hilfe von Bethel im Norden am Standort Freistatt. Wieder einmal Freistatt.

Gemeinsam saßen wir, Peter, Jürgen, Frank und ich – ein klas­si­sches multi­dis­zi­pli­näres Team – ein paar Mal zusammen und bastelten an einem Konzept für einen Antrag.

Dr. Peter Szynka auf dem Wohnungslosentreffen 2016
Dr. Peter Szynka auf dem Wohnungs­lo­sen­treffen 2016

Der Rest ist Geschichte – oder soll ich sagen Legende: Aus dem Projekt zur Förderung von Teilhabe und Selbst­or­ga­ni­sa­tion wohnungs­loser Menschen in Nieder­sachsen (Empower­ment, Community Orga­ni­zing, Sommer­camps, Verste­ti­gung) im Mai 2016 ist inzwi­schen, Stand Dezember 2017, die Selbst­ver­tre­tung Vereinter Wohnungs­loser entstanden. Diese steckt zwar noch in den Anfängen, aber mit ein wenig Opti­mismus und gutem Willen ist darin der Anfang einer wirklich großen Sache zu erblicken. Eine Sache, die größer ist als die Inter­essen von Einzelnen.

Ich könnte noch einiges mehr erzählen, aber es ist viel­leicht auch gar nicht wichtig, alles das an die Öffent­lich­keit zu bringen, was Peter im Verlauf seiner beruf­li­chen Tätigkeit auf den Weg gebracht hat. Das Meiste kenne ich auch gar nicht. Ich glaube, dass liegt daran, das Peter nie groß­spurig auftritt, sondern eher eine klamm­heim­liche Freude an den Dingen hat, die sich entwi­ckeln und wo er seinen Anteil hatte. Diese Freunde finde ich, dürfen wir ihm lassen.

Und das ist im Grunde auch schon eine Zusam­men­fas­sung dessen, wie ich Peter erlebt und was ich an ihm wert­ge­schätzt habe: Ein vorsichtig optmis­ti­scher Mensch mit gutem Willen und dem Interesse, Dinge in Bewegung zu bringen, die ein bisschen größer sind als das, was ein Mensch allein schaffen kann. Einer, der die Welt ein bisschen besser hinter­lassen will als er sie vorge­funden hat.

Ganz im Sinne von Saul Alinski, der gesagt hat: „Schaut, ihr müsst das nicht hinnehmen; ihr könnt etwas dagegen tun. Ihr könnt Jobs kriegen, ihr könnt all die Schranken durch- brechen,  die euch am Leben hindern. Aber ihr müsst Macht dazu haben, und diese Macht bekommt ihr nur, wenn ihr euch orga­ni­siert.“ (Alinsky, 1999, zit. in Rabe, 1999, S.1).

Gerech­tig­keit, das wird in diesen Worten deutlich, war ein starker Motor für Saul Alinsky und ist auch ein starker Motor im Enga­ge­ment von Peter Szynka.

Dr. Peter Szynka auf dem Wohnungslosentreffen 2016 in Freistatt
Dr. Peter Szynka auf dem Wohnungs­lo­sen­treffen 2016 in Freistatt

Peter, wenn Du vom Diako­ni­schen Werk in den Ruhestand gehst, gönnen wir Dir das von ganzem Herzen. Und gleich­zeitig hoffen wir, dass diese Entlas­sung eine Entlas­sung in den Un-Ruhestand ist, denn: Wir brauchen Dich noch. Wenigs­tens für zwei Dinge:

Erstens wollen wir für die Selbst­ver­tre­tung Vereinter Wohnungs­loser noch eine passende Orga­ni­sa­ti­ons­form finden, die Geld heran schafft. Da können wir Deine Erfahrung und Deine Kontakte noch hervor­ra­gend brauchen.

Und zweitens hast Du uns selbst auf die National Hobo Conven­tion aufmerksam gemacht, die jedes Jahr am zweiten August-Wochen­ende in Britt, Iowa, USA statt­findet. Natürlich müssen die wohnungs­losen und ehemals wohnungs­losen Menschen, die Du im Projekt Wohnungs­lo­sen­treffen zusam­men­ge­bracht hast, da hin – denn wie wir inzwi­schen heraus­ge­funden haben: Armut kennt keine Grenzen und nur wer sich über Grenzen und Ozeane hinweg zu orga­ni­sieren versteht, das haben wir von Dir gelernt, kann etwas erreichen. Und da Chicago nur 382 Meilen von Britt entfernt ist, müssen wir natürlich auch nach Chicago. Und wer anders als Du könnte unser Reise­leiter sein? Also, Ruhestand hin oder her, dieses Projekt machen wir noch fertig – finden wir.

In diesem Sinne, Peter, glaube, ich, dass ich im Namen von vielen Menschen herz­li­chen Dank sagen darf für Vieles, was Du durch Dein Enga­ge­ment geschaffen hast, dass ich Dir im Namen von vielen Menschen einen schönen neuen Lebens­ab­schnitt wünschen darf und zugleich aber auch sagen darf, dass wir die Hoffnung haben, dass Du uns ein bisschen erhalten bleibst.

Danke, alles Gute und bis bald!

Literatur:

  • Anderson, Nels: The Hobo: The Sociology of the Homeless Man
    Univer­sity of Chicago Press, Chicago 1923
  • Schneider, Stefan (2010): Sommer-Camp wohnungs­loser und armer Menschen 2011
    Eine Projekt­skizze (www.drstefanschneider.de/782-homeless-summer-camp-2010.html)
  • Szynka, Peter (2006): Theo­re­ti­sche und empi­ri­sche Grund­lagen des Community Orga­ni­zing bei Saul D. Alinsky (1909–1972)
    Eine Rekon­struk­tion; Akademie für Arbeit und Politik der Univer­sität Bremen, Bremen 2005 (erschienen 2006), ISBN 3–88722-656–9
    (Bremer Beiträge zur Poli­ti­schen Bildung 3; zugleich: Bremen, Univ., Diss., 2005)