Diakonie-Workshop_Arbeit-Macht-Ohnmacht_Berlin-2019-05_Titelbild_1170x360px

Bericht vom Workshop „Armut Macht Ohnmacht – Betei­li­gung“ in Berlin

Am 28. Mai 2019 fand in Berlin der Workshop „Armut Macht Ohnmacht – Betei­li­gung“ statt, zu dem die Diakonie Deutsch­land nach Berlin einge­laden hatte. Michael David mode­rierte den Fachtag, zu dem er zahl­reiche von Armut Betrof­fene begrüßen konnte.

Beispiele von „Micro­pro­jekten“

Diakonie-Workshop Arbeit Macht Ohnmacht - Berlin Mai 2019 - Doris Scheer, Projekt Sempre
Doris Scheer – Projekt Sempre

Doris Scheer von der Diakonie Schleswig Holstein stellte das Projekt Sempre vor, das als befris­tetes Projekt von der EU für die Baltic-Sea Region (Estland, Litauen, Lettland, Schweden, Finnland, Nord­deutsch­land) aufgelegt worden war.

Idee des von der EU geför­derten – und mitt­ler­weile ausge­lau­fenen – Programms war die Unter­stüt­zung lokaler Micro­pro­jekte. Frau Scheer berich­tete beispiel­haft von der Nähko­ope­ra­tive Kläder & Form in Schweden. In dieser Nähstube würden einer­seits Kleider umge­än­dert, aber dort würden z. Bsp. auch Gemü­senetze für Super­märkte in der Region als Ersatz für Plas­tik­beutel herge­stellt.

Andere Micro­pro­jekte dabei waren Unter­stüt­zung für ein Tages­zen­trum für Behin­derte in Lettland oder ein Projekt zur Herstel­lung von Stress­bällen für eine Grund­schule in Finnland. Doris Scheer hob hervor, dass das „Tun“ dabei entschei­dend sei, so könnte die Bereit­stel­lung von Räumen und Infra­struktur wie z. Bsp. Computer einen Anschub liefern, um etwas zu bewegen.

In Deutsch­land ist so auch das Micro­pro­jekt alldi.info entstanden, mit dem Allein­er­zie­hende des jewei­ligen Land­kreises in Nord­deutsch­land eine Möglich­keit zur Vernet­zung erhielten. Ihr Ansatz dabei sei z. Bsp. Musik­schul­un­ter­richt für bedürf­tige Kinder, Hilfe beim Antrag-Stellen bei Behörden, aber auch Ernäh­rung­pro­gramme und Über­win­dung sozialer Ausgren­zung.

Etwas zu bewegen sei keine Frage des „Gutmen­schentum“, sondern etwas Alltäg­li­ches und kein ökono­mi­scher Zwang. Als Vorbild verwies sie auch auf Paulo Freire und sein Motto „Perspek­tive verändern auf Augenhöhe“: „Nur wer lesen kann, der kann auch wählen“.

Daraus sei in Brasilien schon in den 60-iger Jahren ein groß ange­legtes Alpha­be­ti­sie­rungs­pro­gramm entstanden, bei dem alle betei­ligten Akteure soziale Ausgren­zung über­wunden hätten.

Als weiteres Projekt stellte sich das Uslarer Forum Kinder­armut vor. Dieses Projekt fand bundes­weit Aufmerk­sam­keit für seine besonders erfolg­reiche Betrof­fe­nen­ar­beit:

Bei der Aktion „Jeder isst mit“ übernahm das Forum Kinder­armut die Kosten von Schu­lessen ohne büro­kra­ti­sche Anträge – wie beim Jobcenter üblich. Dabei haben zuletzt alle Akteure in der Region mitge­macht und jetzt solle dieses Projekt auch bundes­weit umgesetzt werden.

Grup­pen­ar­beit

Nach dem Mittag­essen wurden drei Teams zur Grup­pen­ar­beit gebildet. Beispiel­haft wurde in einer Gruppe die Einrich­tung von festen Anlauf­punkten in Städten erörtert, um armen Menschen eine Adresse für gemein­same Treffen zu bieten. Dabei wäre eine Grund­ver­sor­gung mit Telefon, Internet und Computern zum Texten und Recher­chieren wünschens­wert.

Auch eine Möglich­keit zu gele­gent­li­chen Über­nach­tungen könnte dabei hilfreich sein, um akut wohnungs­lose Menschen zu betei­ligen. Dr. Stefan Schneider vom Projekt Wohnungs­lo­sen­treffen brachte dabei die Idee eines zentralen „Betei­li­gungs­hauses“ zur Sprache. Das wäre dann z. Bsp. auch ein geeig­neter Treff­punkt regio­naler Gruppen der Selbst­ver­tre­tung wohnungs­loser Menschen (SWM), für die er sich seit etwa drei Jahren engagiert einsetzt.

Zuletzt zeigen wir hier noch eine Auswahl der Flip­charts, die in den Arbeits­guppen entstanden sind.

Der Workshop „Armut Macht Ohnmacht – Betei­li­gung“ endete zuletzt mit einer Abschluss­runde, in der die Ergeb­nisse der Grup­pen­ar­beit vorge­stellt wurden.

Fazit

Es war somit ein sehr produk­tives Treffen, bei denen einer­seits inter­es­sante Erfah­rungen aus dem Bereich Selbst­hilfe und Selbst­or­ga­ni­sa­tion armer Menschen vorge­stellt und nach­voll­ziehbar gemacht wurden. Aber auch die Grup­pen­ar­beit bot inter­es­sante Diskus­sionen und Möglich­keiten zur Ausar­bei­tung neuer Ideen. Wir würden uns freuen, wenn es künftig mehr solcher Veran­stal­tungen geben würde, deren Orga­ni­sa­tion und Gestal­tung sicher auch aus den Reihen von direkt von Wohnungs­lo­sig­keit und Armut betrof­fenen Menschen bestritten werden könnte.

Mit dem abge­wan­delten Slogan „Armut Macht Verän­de­rung“ können wir uns dazu noch viele Arbeits­felder vorstellen, auf denen konkrete Verbes­se­rungen für arme Menschen disku­tiert und einge­for­dert werden könnten – um dann zuletzt auch durch­ge­setzt zu werden?